Bewusstes Lernen: Wie jeder zum Experten werden kann

Wie erreichen manche Menschen Spitzenleistungen? Wie sind solche phänomenalen Leistungen möglich, die uns alle begeistern? Liegt es am Talent oder am Training? Genau mit dieser Frage hat sich der schwedische Psychologe K. Anders Ericsson beschäftigt. Seine erstaunliche Antwort: mit der richtigen Trainingsmethode kann jeder Spitzenleistung erzielen. Nicht Talent sei entscheidend, sondern die Art des Trainings. Dazu hat er Experten aus verschiedenen Bereichen analysiert und wiederholende Muster abgeleitet. Er nennt diese Methode ‚bewusstes Lernen‘. Im Folgenden wird ein erster Einblick in diese Lernmethode vermittelt. 

Der Mythos der 10.000 Stunden Regel

Bevor wir uns jedoch mit der Art und Weise des Trainings beschäftigen, untersuchen wir die Bedeutung der Trainingsquantität. Ist möglichst viel trainieren tatsächlich sinnvoll und entscheidend für die Entwicklung?

Der Mythos der 10.000 Stunden Regel hält sich hartnäckig. Diese Regel stammt von Malcolm Gladwell. In den meisten Feldern, so Gladwell, benötigt man 10.000 Stunden, um Spitzenleistungen zu erreichen. Diese Regel ist natürlich fasziniert. Sie ist einfach zu verstehen und leicht zu merken. Die Komplexität des Trainings wird auf ein Kriterium reduziert: die Anzahl der Übungsstunden.

Dieser These widerspricht Ericsson. In seinen Untersuchungen kommt die Zahl 10.000 auch vor, sind aber lediglich die Anzahl der Übungsstunden, die ein Spitzengeiger bis zum 20. Lebensjahr angesammelt hat. Dieser Wert ist jedoch beliebig gewählt, könne man doch auch den Wert nach dem 18. Lebensjahr nehmen, das wäre aber nicht so eine einprägsame Zahl gewesen (7600 Stunden). Dazu kommt, dass die wenigsten Geiger mit 20 Jahren bereits Spitzenleistungen erzielen. Erst mit ca. 30 Jahren, also mit deutlich mehr Übungsstunden, erreichen Geiger ihre Höchstleistungen.

Das jedoch größte Problem an der 10.000 Stunden-Regel ist, dass viele Menschen daraus ableiten, dass jeder in seinem Gebiet Experte werden könne, wenn man nur 10.000 Stunden lang trainiert. Das entspricht jedoch nicht den Ansichten von Gladwell und konnte auch nicht in den Untersuchungen von Ericsson bestätigt werden.

Trotz allem steckt in dieser Regel ein großes Stückchen Wahrheit: Um Leistungsexzellenz zu erreichen, muss eine sehr hohe Anzahl von Übungsstunden durchgeführt werden. Eine Abkürzung zum Erfolg gibt es nicht. Auch sogenannte Naturtalente sind nicht durch weniger oder kaum Training aufgefallen, sondern durch zahlreiche Stunden Training. Der alleinige Fokus auf Quantität ist jedoch nicht ausreichend. 

„Plastizität“: Das Gehirn ist veränderlich!

Die entscheidende Erkenntnis für das Lernen ist: unser Gehirn ist verformbar, ist veränderbar! Wir können unser Gehirn genauso trainieren, wie wir unsere Muskeln trainieren können.

Diese Erkenntnis ist relativ neu. Lange Zeit nahm man an, dass sich das Lernen von etwas Neuem auf das Festigen bzw. Schwächen von neuronalen Verbindungen beschränkt. Heute weiß wann, sich das Gehirn verändern und wachsen kann. Bei körperlichem Training ist uns diese Anpassungsfähigkeit bewusst. Wenn man genug und intensiv trainiert, wird sich der Körper anpassen und äußerlich verändern. Wenn wir das Laufen trainieren, merken wir die verkürzte Erholungszeit und die verbesserte Ausdauer. Doch weil wir beim Gehirn kein „Six-Pack“ sehen können und auch kein Muskelkater spüren, vergessen wir gerne die Tatsache, dass sich das Gehirn genauso verändern kann.

Unsere Fähigkeiten sind also nicht von der Natur vorgegeben, sondern wir können jede Fähigkeit erlernen. Dafür müssen wir nur wissen, wie genau wir unsere kognitiven Kapazitäten erweitern können.

So ging man früher etwa davon aus, dass das absolute Gehör, also die Fähigkeit nur durch das Hören eines Tones die Note bestimmen zu können, eine angeborene Fähigkeit war. Nur wenigen Talentierten ist das Glück vergönnt, über diese Gabe zu verfügen. Der Psychologie Ayako Sakakibara führte ein Experiment mit 24 Kindern durch, in dem er in einem monatelangen Kurs das Erkennen von Klängen versuchte beizubringen. Am Ende verfügten alle Kinder über ein absolutes Gehör. Wenn man bedenkt, dass diese Fähigkeit sonst nur eine von 10.000 Personen entwickelt, ist das das ein sehr bemerkenswertes Resultat, und stellt die traditionelle Ansicht von Talent infrage.

Mentale Repräsentationen als Geheimnis des “Bewussten Lernens”

Nachdem wir wissen, dass unsere Gehirnstruktur veränderlich ist, folgt nun der nächste wichtige Begriff. Ziel des bewussten Lernens ist es, effektive mentale Repräsentationen aufzubauen. Man kann sich das vorstellen: Im Gehirn gibt es für jede Fähigkeit einen gewissen Bereich, bessere gesagt eine Landkarte. Ist eine Fähigkeit noch neu, ist die Landkarte noch wenig detailliert und wenig geordnet. Je besser sich die Fähigkeit entwickelt, desto mehr Details werden in dieser Karte abgespeichert und umso besser kann man in dieser Karte navigieren. Ericsson erklärt es anhand des Beispiels der Mona Lisa. Beim Wort Mona Lisa erscheint bei fast allen Menschen ein Abbild des Gemäldes vor dem geistigen Auge. Das ist die mentale Repräsentation der Mona Lisa. Je genauer man das Bild beschreiben kann, desto ausgeprägter ist die mentale Repräsentation.

Ein weiteres Beispiel: wenn du zum ersten Mal ein Fachbuch über ein neues Thema liest, wirst du zwar viel Neues erfahren, aber auch viele Informationen nicht verstehen, weil du sie noch nicht auf deiner mentalen Karte zuordnen kannst. Auch wird man den Großteil des gelesenen wieder vergessen, weil die Anzahl der neuronalen Verknüpfungen im Gehirn mit diesem Thema noch gering sind. Anders ist es, wenn du ein Fachbuch in einem Gebiet liest, in dem du dich sehr gut auskennst. Du wirst Informationen herauslesen, die Anfänger überlesen werden. Du kannst wichtige von unwichtigen Informationen deutlich besser trennen. Um bei der Metapher mit der Karte zu bleiben: du kannst die gelesenen Informationen sehr leicht bestimmten Orten auf der Karte zuordnen und weißt, wie sie untereinander verknüpft sind. Du kannst also neue Informationen viel besser abspeichern und weißt später, wo genau du diese Information abgelegt hast.

Doch wie genau können wir nun die mentalen Repräsentationen aufbauen und verbessern? Dazu hat Ericsson einige Prinzipien aufgeführt:

Lernen außerhalb der Komfortzone

Die Gehirnstruktur verändert sich auf Dauer nur, wenn das Gehirn „gezwungen“ wird sich anzupassen. Also muss das Bewusste Lernen stets außerhalb der Komfortzone stattfinden. Passiert das nicht, findet auch keine Anpassung statt. Wenn man etwa im Fitnessstudio immer nur die Gewichte stemmt, die man locker schafft, findet ja auch keine physisch sichtbare Anpassung statt. Genauso verhält es sich mit den mentalen Repräsentationen.

Auch Thomas Tuchel hat dies erkannt und sagt dazu: “Bereitet ihnen [den Spielern] Schwierigkeiten. Das Talentkriterium ‘Schwierigkeiten zu überwinden’ ist für mich mittlerweile das alles entscheidende.” 

Konkrete Ziele

Um systematisch und zielgerichtet Lernen zu können, muss zuerst ein großen Ziel formuliert werden. Davon werden Zwischenziele abgeleitet, die den Lernfortschritt systematisch und überprüfbar machen. Erst die Ziele zeigen den Weg und den damit verbundenen Aufwand auf und halten die Motivation hoch. Außerdem werden dadurch Übungsformen überprüfbar. Reicht eine Übungstechnik nicht mehr aus, um das nächste Ziel zu erreichen, müssen andere Möglichkeiten ausgetestet werden. Die ständige Optimierung der Trainingsmethoden ist also ein entscheidender Baustein. Je älter ein Feld ist, desto erprobter sind natürlich die Lernmethoden.

Volle Aufmerksamkeit 

Training darf kein Selbstzweck sein, sondern verlangt volle Aufmerksamkeit. Der Lernende muss wissen, warum er trainiert und auf welches Ziel die jeweilige Übung abzielt. Nur dann kann er die Wirksamkeit überprüfen und Veränderungen vornehmen. 

Feedback

Ständiges Feedback ist eine entscheidende Komponente des “Bewussten Lernens”. Kommt das Feedback anfangs noch vom Trainer, soll der Schüler nach und nach lernen, seinen Lernfortschritt selbst zu überwachen und zu korrigieren. Diese Fähigkeit verlangt einerseits mentale Repräsentationen, verbessert sich aber auch wiederum mit zunehmend effektiveren mentalen Repräsentationen. 

Hier ein kleiner Ausschnitt aus seinem Buch ‚Top – Die Wissenschaft vom Lernen‘:

„Bewusstes Lernen erzeugt mentale Repräsentationen und ist zugleich von ihnen abhängig. Es gibt eine Wechselwirkung zwischen Leistungssteigerungen und Steigerungen der Qualität der mentalen Repräsentationen. Wenn die Leistung besser wird, werden die mentalen Repräsentationen detaillierter und effektiver, wodurch eine weitere Verbesserung der Leistung möglich wird. Mentale Repräsentationen versetzen einen Menschen in die Lage, sich selbst sowohl beim Üben oder Trainieren als auch bei öffentlichen Auftritten zu überwachen. Sie zeigen ihm, wie etwas richtig gemacht werden muss, und befähigen ihn, Fehler zu bemerken und sie zu korrigieren.“

Fazit

Ericssons’ Methode stellt die traditionelle Ansicht von Talent und Training infrage. Denn nicht das angeborene Talent ist entscheidend, sondern mit genug zeitlichem Aufwand und der richtigen Lernmethode kann jeder alle Fähigkeiten erlernen. 

Das diese Ansicht nicht weit verbreitet ist verwundert nicht, wird in den Medien doch ständig von vermeintlichen Naturtalenten gesprochen. Von Sportlern, die angeblich die Gabe des Fußballspielens oder des Basketballspielens in die Wiege gelegt bekommen haben. Wolfgang Amadeus Mozart? Wunderkind. Lionel Messi? Wunderkind. Aber es waren eben nicht besondere Gene oder Glück, die für den Erfolg entscheidend waren. Es ist eine bestimmte Anzahl an Übungsstunden, aber auch die Lernmethode. Nicht umsonst sagt selbst ein Lionel Messi, der gerne als das Wunderkind im Fußball schlechthin gesehen wird:

„It took me 17 years and 114 days to become an overnight success”
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Quelle – Ericsson/Pool (2016), Top – Die neue Wissenschaft vom bewussten Lernen

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